Brief, Röhrchen: In Dänemark klappt Darmkrebsvorsorge besser
Bei der Darmkrebs Früherkennung dürfen Menschen ab dem Alter von 50 Jahren in Deutschland unter zwei verschiedenen Angeboten auswählen: Sie können zweimal im Leben im Abstand von zehn Jahren eine Darmspiegelung vornehmen lassen – oder alle zwei Jahren einen Test auf verborgenes Blut im Stuhl in Anspruch nehmen. Ist Deutschland damit besonders gut aufgestellt?
Hermann Brenner: Seit der Einführung der Vorsorge-Darmspiegelung im Jahr 2002 haben wir tatsächlich schon viel erreicht: Die Darmkrebs-Sterblichkeit in Deutschland ist um mehr als 30 Prozent zurückgegangen, die Neuerkrankungsrate um knapp 30 Prozent, das ist auf jeden Fall besser als in vielen anderen Ländern...
Brenner: Ob ein Screening seine Wirksamkeit entfalten kann, liegt entscheidend an der Teilnahmerate – und da ist in Deutschland noch Luft nach oben. Man schätzt anhand der Abrechnungsdaten der Krankenkassen: Etwa 20 Prozent der Berechtigten nehmen innerhalb von zehn Jahren eine Screening-Koloskopie wahr, etwa 30 Prozent nutzen die Stuhlbluttests. Zusammengenommen kommen wir damit auf etwa 50 Prozent.
Das ist nicht ganz schlecht. Aber Nachbarländer wie Dänemark oder die Niederlande machen uns vor: Wenn man die Berechtigten alle zwei Jahre zu einem Stuhltest einlädt, das Teströhrchen dabei zusammen mit einer gut verständlichen Erläuterung gleich mitschickt und das ganze am besten sogar vorher per Brief ankündigt, kommt man auf Teilnahmeraten von bis zu 70 Prozent. Bei uns gibt es nur ein „Einladungsschreiben“ alle fünf Jahre, das für mein Empfinden nicht wirklich einladend formuliert ist.
Hermann Brenner hat sich als Leiter der Abteilung Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) jahrzehntelang mit Programmen zur Früherkennung von Darmkrebs beschäftigt. Seit seiner Emeritierung 2025 ist er Wissenschaftlicher Koordinator der Cancer Prevention Graduate School des DKFZ und der Deutschen Krebshilfe.
Einladung plus Testbrief klingt nach einer einfachen Lösung. Warum wird das hierzulande nicht umgesetzt? Aus Sparsamkeitsgründen?
Brenner: Die Kosten sind kein gutes Argument, denn sie müssen in Relation zu den sehr hohen Behandlungskosten von Krebserkrankungen gesehen werden, die durch das Screening vermieden werden. Dagegen rechnet sich die Früherkennung auf jeden Fall. Darmkrebsvorsorge ist eine der kosteneffektivsten Maßnahmen, die wir im Gesundheitswesen haben.
Vielleicht verhält es sich hier wie so oft, wenn es um Prävention geht: Den etwas höheren Kosten von heute stehen massive Einsparungen gegenüber, die erst mit zeitlicher Verzögerung eintreten. Hier muss eine primär auf den aktuellen Haushalt oder die aktuelle Wahlperiode fokussierte Sichtweise überwunden werden.
Es wird oft diskutiert, die Krebsfrüherkennung sollte wegkommen vom „Prinzip Gießkanne“, hin zu einem stärker an die individuellen Risiken angepassten Programm. Wie sieht es damit bei Darmkrebs aus?
Brenner: Ja, das könnte auch das Darmkrebs-Screening in Zukunft effizienter machen.
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