Kolumnistin Evelyn Holst - Verwandeln Sie sich auch in eine dauergereizte Bergziege?
Eine britische Umfrage hat ergeben, dass 47 Prozent der Frauen sich im vergangenen Jahr häufiger wütend als im Vorjahr gefühlt hätten. Fast ein Viertel berichtete von Wutausbrüchen. Warum werde ich mit zunehmendem Alter nicht ruhiger, sondern wütender? Eine Expertin erklärt es am Ende des Textes. Zuerst macht sich unsere Kolumnistin ihre Gedanken:
Es gibt diese Tage, da sollte man im Bett bleiben. Weil man sonst schon am Vormittag soooo einen Hals hat, dass man fast über ihn stolpert. Alles nervt, ärgert, zeigt uns den Stinkefinger. Baustellen ohne Ende, stinkende Dixie-Klos, E-Roller, die uns in die Hacken brettern, lästige Updates auf Handys und PCs, und immer ein „Bitte warten Sie …“, nie eine menschliche Stimme, wo immer wir auch anrufen.
Diese Welt aus Apps, QRs, Tags und Clouds, wir fühlen uns oft fremd in ihr. „Warum gibt es keine Computer für digitale Idioten?“, fragt eine Freundin. Weil wir nicht mehr werberelevant sind und unsere Probleme keine Sau interessieren. Ja, es gab schönere Zeiten, in denen wir jünger, gesünder und belastbarer waren, in denen wir das Radio voll aufgedreht und dazu getanzt haben. Tja, und jetzt klopfen wir mit dem Besen an die Wand, wenn nach Mitternacht noch gefeiert wird. Und sind oft die Einzigen und Ältesten in der Runde, die nicht gendern und Kaffee mit Kuhmilch trinken.
„Du bist doch eine Bergziege“, sagt mein Mann, und ich hoffe, er meint es als Kompliment. Putzfrau oder Prinzessin, so habe ich früher Frauen aufgeteilt. Ich bin ganz eindeutig eine Putzfrau. Eine, die anpackt und nicht jammert. Warum bin ich in letzter Zeit so dauergereizt? Warum nervt mich so viel mehr als früher? Nicht nur das Internet, sondern auch falsch geparkte E-Roller oder Rentner wie ich, die an der Supermarktkasse „Ich hab’ es passend“, sagen und es dann doch nicht passend haben? Die Hormone sind es nicht, meine Wechseljahre waren ein Klacks, meine Kinder sind weder Klimakleber noch Dauerkiffer. Meine Rente ist okay.
Vielleicht bin ich grumpy, weil ich das Gefühl habe, dass mein Leben – außen und innen – nicht mehr „Du“ zu mir sagt. Einfach loslegt und sich weiterentwickelt, ohne mich zu fragen. Politik und Wirtschaft kann ich nicht ändern, aber warum habe ich mein Privatleben immer weniger im Griff? Warum nicke ich alles ab, jeden Wunsch, jede Zumutung, jedes „Kannst du mal? Hast du mal einen Moment?“ Warum verschiebe ich alle Pläne, gehe Gassi mit dem Hund meines Sohnes und abends zu einem stinklangweiligen Vortrag, obwohl ich viel lieber ins Kino gegangen wäre? Und merke oft nicht, dass ich zwar noch eine Bergziege, aber eine sehr fremdbestimmte bin. Und es deshalb manchmal in mir brodelt. Dann bin ich schroff und ungerecht, ein „Garstikus“, wie es meine Tochter nennt.
Wir Frauen, jedenfalls die älteren ab 60 plus, sind ja gern das Herz von Groß- und Kleinfamilie, der Mittelpunkt, die Strippenzieherinnen.
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