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BILD-Reporter stößt Schul-Debatte an - Lasst unsere Kinder nicht länger ohne Noten lernen

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BILD-Reporter stößt Schul-Debatte an - Lasst unsere Kinder nicht länger ohne Noten lernen

Diese Woche kommen meine achtjährigen Zwillingstöchter in die dritte Klasse. Kurz darauf steht ein Elternabend an. Dort soll abgestimmt werden, ob die Kinder künftig Noten bekommen. Ich weiß noch nicht, wie die Abstimmung ausgeht. Aber ich weiß schon, wie meine Frau und ich stimmen werden. Für Noten.

Eigentlich komme ich mit dem aktuellen System ganz gut zurecht. Die Smileys, Kompetenzraster und Lernstandsberichte, die meine Töchter bisher mit nach Hause gebracht haben, verraten ohnehin ziemlich genau, wo sie stehen. Wer die Bögen aufmerksam liest, erkennt schnell, ob ein Kind zu den Besten gehört oder ob noch Luft nach oben ist. Trotzdem halte ich Zensuren für wichtig. Vielleicht liegt das auch an meiner eigenen Schulzeit.

Ich bin kurz vor dem Mauerfall eingeschult worden und in Ost-Berlin aufgewachsen. Zu meiner Schulzeit gehörten Zensuren von Anfang an zum Schulalltag . Schon ab Klasse 1 wurden unsere Leistungen bewertet. Später, im zweiten Halbjahr der dritten Klasse, brachte ich mein Zeugnis nach Hause. Darauf stand eine einzige Drei. In Sachkunde, wenn ich mich richtig erinnere. Die einzige auf dem gesamten Zeugnis. Und die einzige in meiner gesamten Grundschulzeit. Für mich war das damals eine Katastrophe. Heute muss ich darüber schmunzeln. Damals fühlte es sich an wie ein Weltuntergang. Ich ärgerte mich, strengte mich mehr an und nahm mir vor, das nicht auf mir sitzen zu lassen.

Einige Jahre später, am Ende der sechsten Klasse vor dem Wechsel aufs Gymnasium , war ich der Klassenbeste unter den Jungen. Auf meinem Zeugnis standen nur Einsen und Zweien. Natürlich behaupte ich nicht, dass die Drei dafür verantwortlich war. Aber sie hat mir etwas gezeigt. Wo ich stand. Genau das ist für mich der eigentliche Wert von Zensuren. Sie sind keine Bestrafung. Sie sind eine Rückmeldung. Sie zeigen Kindern, was sie bereits gut können. Und wo sie noch besser werden sollten.

In diesen Tagen wird viel darüber gesprochen, Kinder vor Leistungsdruck zu schützen. Diesen Wunsch verstehe ich. Kein Elternteil möchte, dass seine Kinder mit Bauchschmerzen zum Unterricht gehen. Aber Schule hat nicht nur die Aufgabe, Kinder zu ermutigen. Sie soll sie auch auf das Leben vorbereiten. Und das Leben besteht nun mal nicht nur aus Fantasie, Kreativität und Selbstverwirklichung. Es besteht auch aus Rückmeldungen. Aus Erfolgen. Aus Enttäuschungen. Aus dem ehrlichen Blick auf die eigenen Stärken und Schwächen.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir Erwachsenen wollen Kinder inzwischen vor jeder Form der Enttäuschung bewahren. In manchen Schulen werden beim Fußballspiel bewusst keine Tore mehr gezählt, damit es keine Verlierer gibt. Die Idee dahinter ist sicher gut gemeint. Nur wissen die Kinder am Ende trotzdem ganz genau, welche Mannschaft elf Tore geschossen hat und welche nur drei. Schließlich können sie zählen. Die Realität verschwindet nicht, nur weil wir beschließen, sie nicht mehr zu benennen.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass Kreativität, Ehrgeiz und Noten Gegner sind. Meine Töchter sollen weiter träumen, malen, Geschichten erfinden und die Welt entdecken dürfen. Aber sie sollen auch lernen, mit Rückmeldungen umzugehen.

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