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Hau ab, Ernst des Lebens! - Warum ich mich als Mama vor der Schule fürchte

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Hau ab, Ernst des Lebens! - Warum ich mich als Mama vor der Schule fürchte

Neulich hat meine vierjährige Tochter ein sechsblättriges Kleeblatt mit Augen gemalt. „Das ist das sönste Kleeblatt der Welt“, sagte sie. „Für dich, Mama, es wird dir Glück für deine Gesundheit bringen.“ Ich knuddelte und lobte sie. Irgendwann aber wird jemand zu ihr sagen, dass Kleeblätter keine sechs Blätter haben. Und keine Augen. Irgendwann wird ihr jemand erklären, dass es keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen Kleeblättern und Glück gebe. Dieses „Irgendwann“ ist nur noch zwei Kitajahre entfernt: die Schule.

In den nächsten Wochen werden in Deutschland wieder etwa 800.000 ABC-Schützen aufgeregt zum ersten Mal in ihre Schule hüpfen. Dann, wie man so unschön sagt, beginnt „der Ernst des Lebens“.

Ich habe Angst davor. Nicht vor Mathe oder vor Diktaten. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem mein Kind beginnt, zu glauben, dass seine Ideen nicht gut genug sind. Ich möchte diese Phase des Bewertens, des Benotens, des Einteilens in ein absolutes Richtig und Falsch so lange hinauszögern, wie es geht.

Ich habe bereits ein großes Schulkind (8). Es tut mir weh, zu sehen, wie meine Tochter seit ihrem ersten Schultag regelmäßig nach Hause kommt und erzählt, was sie alles noch nicht kann. Noch nicht so schnell rechnen. Noch nicht sauber genug ausschneiden. Noch nicht fehlerfrei schreiben.

Vor der Schule wusste sie vor allem, was sie kann. Sie war die weltbeste Einhorn-Zauberwald-Geschichtenerzählerin. Mit ihrem „Hello“ und „Yes, Baby“ war sie überzeugt, fließend Englisch zu sprechen, und gewann im Urlaub ohne jede Scheu neue Freunde. Sie baute aus einem Karton und ein paar Buntstiften Paläste für ihre Labubus und tanzte mit einer Leidenschaft, die jedes Publikum mitgerissen hätte.

Jetzt ist ihr all das manchmal unangenehm und sie kommt sehr traurig nach Hause. Weil es die Einhörner in ihren Geschichten doch gar nicht gebe. Weil ihr Fantasie-Kauderwelsch kein richtiges Englisch sei. Und weil Paläste nicht aus Pappe sind. Weil der Soundso gesagt hat, Shakira tanze überhaupt gar nicht so in „Dai Dai“ und der Moonwalk sei auch nicht wie der von Michael Jackson. Ja, objektiv betrachtet sieht es manchmal so aus, als hätte ein Erdmännchen einen epileptischen Anfall. Aber hey: Elvis Presley hat sich auch nicht bewegt, wie es die Tanzschule empfohlen hätte.

Mit Schuleintritt wird den Kindern die Welt eingeordnet und die Welt ordnet sie ein. In richtig oder falsch. Gut oder schlecht. Talentiert oder nicht. Man muss ja wissen, wo man steht.

Ich weiß doch, dass das wichtig ist. Und dennoch: Ich wünsche meinen Mädchen noch ein bisschen mehr Zeit zum Ausprobieren. Zeit, über den Rand zu malen, kreative Umwege zu gehen. Zeit, einem Kleeblatt Augen zu geben, ohne dass es einem Rotstift zum Opfer fällt. Die Chance, an Einhörner zu glauben, ohne dafür ausgelacht zu werden. Die Chance, ihr Feuer am Lodern zu halten, ohne dass irgendein Besserwisser Wasser draufkippt.

Wir reden dauernd über Künstliche Intelligenz . Darüber, welche Berufe verschwinden könnten. Oder welche Fähigkeiten morgen noch gebraucht werden.

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