Gedenken an Zhu und Jiang: Erinnerung an ein etwas freieres China
Analyse Gedenken an Politiker Zhu und Jiang Erinnerung an ein etwas freieres China Stand: 19.08.2026 • 07:06 Uhr
China gedenkt seiner früheren Führer Zhu und Jiang. Die Staatsführung würdigt ihre Verdienste - dabei hatte sie einst gefürchtet, durch die Reformen ihrer Ära die Kontrolle zu verlieren.
Die chinesische Fahne am Platz des Himmlischen Friedens gegenüber des früheren Kaiserpalastes steht auf Halbmast. Die kommunistische Führung hat Staatstrauer angeordnet, für den früheren Ministerpräsidenten Zhu Rongji, der vergangene Woche im Alter von 97 Jahren verstorben ist. Die Erinnerung an ihn ist für viele auch die Erinnerung an ein anderes China - in der Ära um die Jahrtausendwende.
Da schmetterte der chinesische Ministerpräsident Lieder aus Peking-Opern vor laufenden Kameras oder unterhielt auf internationalen Pressekonferenzen mit schlagfertigen Antworten. Heute sind solche Szenen kaum vorstellbar.
Nachruf auf Zhu Rongji - Chinas Wirtschaftsreformer Stefan Niemann, ARD Peking, Das Erste, 18.08.2026 • 13:00 Uhr Alles ist choreographiert Der Machtapparat der kommunistischen Partei choreographiert unter Staats- und Parteichef Xi Jinping politische Auftritte bis ins letzte Detail. Öffentliche Äußerungen der politischen Führung, wenn es sie gibt, sind meist vorgelesen oder oft bereits zigfach vorgetragene Parolen und Absichtsbekundungen.
Und ob an Hochschulen, in der Kunst, Kultur, in der Zivilgesellschaft - alles, was nicht von der Partei abgesegnet ist, scheint erstmal verdächtig, als gäbe es eine große Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Vielleicht ist das auch eine Reaktion auf die Ära von Zhu Rongji, der zwischen 1998 und 2003 unter Staats- und Parteichef Jiang Zemin die Regierungsgeschäfte führte.
Die Trauerfeier für Zhu heute und die lange geplante Feier zum 100. Geburtstag des verstorbenen Jiang gestern fallen nun in dieselbe Woche und rufen Erinnerungen an eine Zeit wach, in der es mehr Freiräume für die Gesellschaft gab, auch wenn sie vielleicht nur ein Nebeneffekt der damaligen Wirtschaftsreformen waren. Viele Parteikader beschäftigten sich auf einmal mehr damit, durch eigene Geschäfte schnell reich zu werden, als Direktiven durchzusetzen.
Zhu Rongji starb in der vergangenen Woche im Alter von 97 Jahren. Seine Zeit als Ministerpräsident ist als Zeit des Aufbruchs in Erinnerung geblieben.
Die späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre unter Zhu und Jiang gelten als Ära der großen wirtschaftlichen Reformen. Zhu ließ ineffiziente Staatsbetriebe schließen oder privatisieren, öffnete den Wohnungsmarkt, sagte den alten Kadern aus der Zeit der Planwirtschaft den Kampf an.
Produktionszentren und Sonderwirtschaftszonen im Süden des Landes profitierten von der Öffnung. Ausländische Investitionen flossen ins Land, in Erwartung von satten Profiten auf einem riesigen Markt mit einer wachsenden Mittelschicht.
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