Ärztinnen in Afghanistan: „Ich habe die Taliban auf die Welt gebracht“
Als die Taliban vor fünf Jahren an die Macht kamen, war Roshanak Wardak „sehr glücklich“. Für die Gynäkologin aus der gleichnamigen Provinz Wardak bedeutete der Machtwechsel in Kabul vor allem eines: das Ende des 15 Jahre langen Krieges. „Die Leute in Kabul hatten es komfortabel, aber wir hatten hier 24 Stunden Kämpfe“, sagt Roshanak Wardak, während ein Angestellter in ihrem Empfangszimmer das Mittagessen aufträgt. Es gibt Huhn mit Reis und Salat. Dazu Dugh, ein Joghurtgetränk mit frischer Minze. „Früher konnte man hier gar nicht sitzen“, erzählt Wardak. Der Raum wurde jahrelang nur als Abstellkammer genutzt, weil die Gefahr bestand, dass Geschosse einschlagen. Hunderte Einschusslöcher hatte ihr kleines Anwesen im Distrikt Saydabad, als im August 2021 Ruhe einkehrte.
Wardak, strategisch gelegen vor den Toren der Hauptstadt, war eine der am meisten umkämpften Provinzen des Landes. Viele Menschen hier waren erleichtert, als die Machtfrage vor fünf Jahren entschieden war. Sie blicken anders auf den Regimewechsel als die Hauptstädter im eineinhalb Autostunden entfernten Kabul.
Im Heimatdistrikt von Roshanak Wardak, in Saydabad, herrschten die Taliban schon viele Jahre vor der Übernahme Kabuls. Für die Ärztin, die von 2005 bis 2010 Abgeordnete im afghanischen Parlament war, sind die Islamisten keine Fremden. Sie sind die Ehemänner und Söhne ihrer Patientinnen. „Die Taliban sind durch meine Hand auf die Welt gekommen“, sagt sie in ihrer leicht sarkastischen Art. „Sie waren arme Leute aus den Dörfern, die die Probleme auf dem Land kannten. Ich hatte gehofft, sie würden sich daran erinnern.“ Stattdessen seien sie nach dem Sieg von 2021 mit ihren Familien nach Kabul gezogen und hätten die Dörfer vergessen. „Die Stadt hat ihr Denken verändert.“
Als Gynäkologin hat Roshanak Wardak Einblicke in das Familienleben der Taliban. Viele der Ranghöheren würden jetzt Zweit- und Drittfrauen heiraten, was sie sich früher gar nicht leisten konnten. Und: „Sie wollen jetzt gebildete Frauen. Sie fragen mich, ob ich Ärztinnen oder Krankenschwestern kenne, die sie heiraten können.“
Es gibt Taliban-Funktionäre, die ihre Töchter auf Privatschulen in Kabul schicken. Sie sind für eine Wiedereröffnung der weiterführenden Mädchenschulen. Doch das hilft nicht, denn der Taliban-Herrscher in Kandahar ist strikt dagegen. An manchen Koranschulen für Mädchen in Kabul werden nun auch Fächer wie Mathe, Physik und Englisch unterrichtet. Sie tun das mit Lizenz des Bildungsministeriums. Die „Kunst“ bestehe darin, sie als „unterstützende Fächer“ für den Islamunterricht zu deklarieren, erklärt eine Schulleiterin. Es sind Grauzonen, die geduldet werden. Zugänglich sind sie aber nur für jene, die sich eine Privatschule leisten können.
Roshanak Wardak war vor fünf Jahren zwar über das Ende des Krieges erleichtert. Über die Ideologie der Taliban machte sie sich aber keine Illusionen. Bis heute empört sie sich lautstark darüber, dass die weiterführenden Mädchenschulen geschlossen wurden. Sie geht an staatliche Schulen, verteilt Bücher und hält Vorträge. Gegen den Willen der Taliban.
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