Gefährliche Sicherheitslücke bei Arzneimittelpackungen
Exklusiv Behörden greifen nicht durch Gefährliche Sicherheitslücke bei Arzneimittelpackungen Stand: 21.08.2026 • 11:47 Uhr
Der Manipulationsschutz von Arzneimittelpackungen soll vor Fälschungen schützen. Doch Recherchen von Plusminus zeigen: Bei zahllosen Packungen versagt dieser Schutz offenbar. Die Aufsichtsbehörden kennen das Risiko seit Jahren.
Ein handelsübliches Bügeleisen, wenige Sekunden Hitze, und der Kleber wird flüssig. Die Seitenlasche einer Arzneimittelpackung springt auf, der Inhalt eines Herzmedikaments lässt sich jetzt austauschen. Kühlt der Kleber ab, ist die Schachtel wieder verschlossen.
Ob verklebte Lasche oder Sicherheitssiegel: Unter Hitze lässt sich beides spurlos öffnen. Von außen erkennt niemand die Manipulation, die Packung sieht aus wie zuvor - intakt und scheinbar sicher. So ist es in Videos zu sehen, die dem ARD-Magazin Plusminus vorliegen.
Aufgenommen hat sie Patrick Michel, der im europäischen Pharmagroßhandel arbeitet. Als er einzelne Packungen prüft, stößt er auf eine Sicherheitslücke, die es nach dem europäischen Fälschungsschutz nicht geben dürfte. "Jedes Mal, wenn ich eine Packung teste, kann ich sie spurlos öffnen", berichtet er. "Das ist nur die Spitze des Eisbergs."
Betroffen sind offenbar zahllose Arzneimittel verschiedener Pharmahersteller. "Aus meiner Sicht ist das eine gravierende Sicherheitslücke", sagt Arndt Sinn, Experte für Arzneimittelkriminalität an der Universität Osnabrück. "Denn es besteht die Gefahr, dass eine legale Lieferkette infiltriert wird und gefälschte Arzneimittel in den Handel kommen."
Medikamentenpackungen in der EU müssen seit 2019 zwei Sicherheitsmerkmale tragen: eine individuelle Seriennummer, die in der Apotheke gescannt wird, und einen Erstöffnungsschutz, der anzeigt, ob eine Packung bereits geöffnet wurde. Doch dieser Schutz lässt sich offenbar umgehen. Und damit wird die Originalpackung zum Einfallstor für Kriminelle. Die Missbrauchsmöglichkeiten, so Arndt Sinn, reichten von Fälschungen über Erpressung von Pharmakonzernen bis hin zur Sabotage von Lieferketten.
Online-Medikamente sind bequem, aber riskant: Dubiose Shops können lebensgefährlich sein. mehr
Für Fälscher ist eine Originalpackung mit gültiger Seriennummer besonders wertvoll. So manches Medikament kostet mehr als 1.000 Euro. Den echten Inhalt verkaufen die Täter beispielsweise auf dem Schwarzmarkt, in die Originalpackung kommt ein billiger oder wirkungsloser Ersatz. "So verdoppelt man seinen Gewinn bei fast keinem Aufwand", erklärt Michel. Weil die Seriennummer gültig ist, fällt die Packung im Handel nicht auf. Auch die Apotheke prüft nur die Nummer und nicht, ob der echte Wirkstoff enthalten ist.
Für Patientinnen und Patienten kann das lebensgefährlich sein. Wer ein Herzmedikament nimmt, in dem der echte Wirkstoff fehlt, bleibt unbehandelt, ohne es zu merken. "Diese Sicherheitslücke kann viel Schaden anrichten, von Gesundheitsschäden bis hin zum Tod eines Patienten", warnt Strafrechtler Sinn.
Das Tückische daran: Die Opfer bleiben meist unsichtbar.
5News hat diese Zusammenfassung aus dem öffentlichen Feed der Quelle übernommen. Der vollständige Artikel mit allen Details steht auf www.tagesschau.de — der Inhalt gehört Tagesschau (ARD).