Den Epilepsie-Grusel von Musiala habe ich selbst erlebt
Natürlich hat es etwas in mir ausgelöst, als Jamal Musiala zusammengebrochen ist . Ich habe gebangt um das Wohl eines jungen Menschen. Und ich habe als Fußballfan Tragik empfunden, weil die Karriere eines der größten Fußballtalente erneut zurückgeworfen scheint. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die beiden Vorfälle noch etwas ganz anderes in mir auslösen.
Musiala schrieb danach in seinem Instagram-Post, der Grund für seine Zusammenbrüche seien Absencen . Das Wort, das die meisten Menschen wahrscheinlich zunächst rätselnd zurückließ, war mir wohlbekannt: Ich habe Epilepsie. Wie Musiala vermutlich auch. Und die kleinen Aussetzer im Gehirn sind ein Symptom dieser Krankheit.
Ich kann nachvollziehen, wie es dem Fußballspieler gerade gehen muss. Seitdem ich Musialas Instagram-Post gelesen habe, kommen wieder Erinnerungen hoch. Nicht an meine Absencen an sich – denn da war ich ja wortwörtlich abwesend. Aber an die Momente davor, danach und den Alltag damit.
Ich war zehn, vielleicht elf Jahre alt, als mein Gehirn das erste Mal ausgesetzt hat. Mir ist das gar nicht richtig aufgefallen. Wenn ich gerade ferngesehen habe, war der Film für eine Sekunde durch ein Nichts unterbrochen.
Aber so sehr das Gehirn in dem Moment der Absence geschwächelt hat, so leistungsfähig war es danach. Es hat das Davor und das Danach zu einem zusammenhängenden Film verbunden. So kam ich mit den Absencen wunderbar klar, ohne dass sie mir überhaupt als unnormal aufgefallen wären. Zusammengebrochen wie Musiala bin ich währenddessen nie.
Als sich die Absencen häuften – auch mal mehrere in einer Stunde – merkten meine Eltern, dass irgendetwas seltsam ist. Ich erinnere mich noch, dass wir an einem lauen Sommerabend im Garten Federball spielten. Meine Mutter oder mein Vater schlugen den Ball an mich zurück. Doch ich stand einfach da, starrte in die Luft, mein Arm mit dem Schläger hing schlaff herunter. Ohne dass ich auch nur gezuckt hätte, segelte der Ball an mir vorbei.
„Du warst einfach weg, alles klar bei dir?“, fragten meine Eltern mich dann halb erstaunt, halb besorgt. Ich, der ja keine Erinnerung an den Moment hatte, stritt alles ab. Wenn meine Eltern nachbohrten und ich ihre Fragen schlichtweg nicht beantworten konnte, wurden meine Aussetzer zum Konfliktthema. Wie an dem Federball-Abend stapfte ich dann wütend davon.
Musiala hat seine Absencen als „scary“ beschrieben. Ich finde die Beschreibung ziemlich treffend. Man kann sich vorstellen, wie sich ein ganz kurzer Herz-Aussetzer anfühlen würde. Einen Gehirn-Aussetzer kann man nicht fühlen. Den Grusel, den das auslöst, schiebt man lieber schnell beiseite.
Selbst in Phasen häufiger Absencen war mein Alltag glücklicherweise kaum eingeschränkt. Aber es gibt viele verschiedene Arten von Epilepsie und ich bin kein Leistungssportler. Hätte ich meinen Aussetzer nicht nur bei einem unbedeutenden Federballspiel gehabt, sondern beim entscheidenden Strafraum-Moment in einem Fußballspiel, wäre das etwas anderes gewesen.
Viele spekulieren jetzt, ob Sport für Musiala derzeit gefährlich sein kann. Ich bin kein Mediziner und kann das nicht beurteilen.
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