Neue Respektlosigkeit - Fotografieren ist das neue Hinterherpfeifen!
Berlin – Ein Pfiff verhallt. Ein Blick geht vorbei. Aber eine Aufnahme bleibt. Das zeigt z. B. die aktuelle Datenanalyse des Oktoberfests: Rund 32.000 mutmaßlich illegale Videos von Frauen auf dem Volksfest sollen in den sozialen Medien kursieren. Am Montag habe ich einen kleinen Vorgeschmack bekommen, wie sich so etwas anfühlt: Auf dem Heimweg von der Arbeit haben mich drei junge Männer fotografiert.
Ich fuhr gerade die Rolltreppe von der U-Bahn herauf, als sie mir auf der anderen Seite entgegenkamen. Ich spürte die Blicke schon aus der Entfernung auf mir. Wie sie ihre Köpfe zusammensteckten, zu mir herüberschielten und sich etwas zuflüsterten. Dieses Präsentierteller-Gefühl ist nicht toll, aber nach 27 Jahren Frau-Sein kennt man das leider.
Mein Körper spannte sich automatisch an, ich blickte gezielt geradeaus. Als wir auf gleicher Höhe vorbeifuhren, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie einer der Männer sein Handy knapp unter Brusthöhe hochhielt, verstohlen auf das Display glotzte und die Handykamera „unauffällig“ auf mich richtete. Ich schielte vorsichtig rüber. Jup. Der fotografiert mich gerade. Habe ich irgendwo was kleben, hängt mir was in den Haaren? Gekicher, als die drei meinen Blick bemerkten. Wow, seid ihr cool. Ich wollte nur runter von dieser Bühne, auf die sie mich gezwungen haben.
„Die fanden dich halt gut“, denken jetzt vielleicht einige. Aber: Nein! Jemanden gegen den Willen zu fotografieren, ist kein Kompliment. Das ist ein Eindringen in die Privatsphäre, das ist Machtausübung! Da wurde ein Bild von mir gemacht, ohne dass ich zugestimmt habe oder ich etwas dagegen tun konnte. Es existiert jetzt ein Foto von mir, das ich nie gesehen habe. Auf dem Handy eines fremden Menschen.
Anders als ein Hinterherpfeifen beim Catcalling ist das keine Momentaufnahme. Fotos können gespeichert, geteilt und millionenfach angesehen werden. Früher mussten die Typen wenigstens den „Mut“ aufbringen, respektlos zu sein. Fotografieren ist verborgener, stiller und heimlicher. Und es wird immer einfacher: Mit Smart Glasses etwa lassen sich inzwischen Fotos und Videos aufnehmen, ohne dass Außenstehende überhaupt merken, dass eine Kamera läuft. Dass das alles kein Einzelfall ist, zeigen eben Daten wie die des Oktoberfests . 32.000-mal wurde eine Grenze überschritten. 32.000-mal wurde eine Frau zum Objekt gemacht. Das ist keine Bewunderung, das ist übergriffig.
Dass das Bundeskabinett jetzt den Entwurf für ein neues Gesetz gegen digitale Gewalt beschlossen hat, geht deshalb in die richtige Richtung. Dabei geht es natürlich um deutlich schwerwiegendere Fälle als das ungefragte Foto, das von mir gemacht wurde (z. B. Erstellung von sexualisierten KI-Deepfakes und der Besitz von Vergewaltigungsvideos). Trotzdem steckt dahinter ein ähnliches Grundgefühl: Kontrollverlust. Denn sobald jemand ohne Zustimmung ein Bild von mir macht, weiß ich nicht mehr, was damit passiert, wo es landet oder wer es sieht. Genau diese Ungewissheit hat mich so verunsichert.
Heimlich oder ungefragt aufgenommene Fotos sind nicht automatisch illegal.
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