Bücher: Wofür brauchen wir eigentlich Literaturpreise?
Um ein mittelgroßes Geheimnis aus der Kulturredaktion eines deutschen Nachrichtenmagazins zu verraten: Wenn alljährlich im Herbst bekannt gegeben wird, wer den Literaturnobelpreis bekommt, bricht bei manchen Redakteurinnen und Redakteuren der Schweiß aus. Es ist schon vorgekommen, dass bei der Bekanntgabe eines Preisträgers oder einer -preisträgerin mehrere ratlose Menschen einander fragten, wer, tja, denn nun am besten über die News aus Stockholm berichten könne.
Um es diplomatisch zu formulieren: Es werden eben sehr viele Bücher auf dieser Welt publiziert – und ja, auch die fantastischsten, interessantesten Schriftstellerinnen und Schriftsteller schaffen es nicht unbedingt ins Leseregal von den versiertesten Literaturkritikern.
Neulich wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben. Nicht so wichtig wie der Nobelpreis, aber im deutschsprachigen Raum die wichtigste Auszeichnung. Zwanzig deutsch schreibende Autorinnen und Autoren können sich Hoffnung machen, die Auszeichnung zu bekommen. Am 9. September folgt die Shortlist mit sechs Namen, am 5. Oktober die Preisverleihung. Der erste Platz ist mit 25.000 Euro dotiert.
Um es vorwegzunehmen: Ich kenne nicht alle Nominierten. Und um mich nicht bis ans Ende aller Tage zu blamieren, sage ich nicht, wie viele ich nicht kenne.
Unabhängig davon: Sind da wirklich die besten, wichtigsten, interessantesten deutschsprachigen Bücher erfasst? Sind solche Listen nicht auch doch immer subjektiv, weil sie durch Jury-Geschmäcker entstehen? Also vielleicht am Ende auch egal?
Für mich ist der Hauptzweck, den Literaturpreise aller Art erfüllen, dass Bücher und ihre Autorinnen einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden. Es soll eine Bühne geschaffen werden, um über Bücher zu sprechen, möglichst, damit sie dann auch rezipiert werden. Und: Für die Schreibenden sind die Preisgelder natürlich nicht ganz unwichtig, um es mal salopp auszudrücken. 25.000 Euro – oder im Falle des Nobelpreises etwa eine Million – zu bekommen, ohne ein einziges Buch verkauft zu haben, das hält einen schon eine Weile über Wasser. Und auch das ist ein guter Grund, einen Preis auszuloben, jenseits aller künstlerischer Anbetung: Die Leute, die schreiben, müssen auch essen. Man verdient als Autor heute eigentlich nur dann auskömmlich, wenn man Bestseller produziert.
Um es ganz klar zu sagen: Eine Nominierung oder eine Prämierung bei einem Literaturpreis sind keine Garantie für den individuellen Lesegenuss, nicht mal ein allgemeingültiges Gütesiegel. Aber sie stellen eine gute Möglichkeit dar, sich mit Texten auseinanderzusetzen, die man vielleicht nicht ohne diesen Wink vom Preisrichter gefunden hätte.
Hier spricht die ebenso seltsame wie faszinierende Anatomin Marie Biheron, die in dem schmalen Roman »Wachs« auf die geniale Malerin Madeleine Basseport trifft. Die beiden verbindet nicht nur die Liebe, sondern auch die Tatsache, dass sie so gar nicht den Vorstellungen von Frauen im 18. Jahrhundert entsprechen: zu klug, zu selbstständig, zu gut in dem, was sie tun.
Feministinnen avant la lettre – und lustig dazu.
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