Filmarchiv der Uni Mainz: Netzwerke der Flucht
Der Kameramann Pablo Tabernero (1910 bis 1996) ist in Berlin geboren, in Mainz aufgewachsen und später nach Argentinien geflüchtet, wo er seinen Namen wörtlich ins Spanische übersetzt hatte, „da ja dort niemand einen Peter Paul Weinschenk aussprechen konnte“, wie er einmal sagte. Auch Anna Maria Jokl (1911 bis 2001) musste sich ein neues Leben aufbauen. Die in Wien geborene Psychoanalytikerin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin sprach sogar von „sechs verschiedenen Leben“ mit neuen Berufen und Notwendigkeiten im Exil.
Der Kameramann und die Autorin stehen stellvertretend für Tausende Filmschaffende, die während der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben wurden. Ihre Zitate sehen die Besucher der neuen Onlineplattform „Mapping German Film Exile“ (MGFE) . Diese geht auf ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt der Filmwissenschaft an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität zurück, das die Geschichte des Filmexils zwischen 1930 und 1950 digital zugänglich machen soll.
„Uns war es wichtig, auch einen Schwerpunkt auf Personen zu legen, die nicht immer automatisch mit dem Filmexil assoziiert werden“, sagt die Mainzer Professorin Alexandra Schneider über das Projekt, das sie von 2021 bis 2024 mit der Filmwissenschaftlerin Imme Klages verantwortet hat. Der erste Impuls kam von der Kollegin: „Sie ist mit der Idee an mich herangetreten, dass man sich des damals noch nicht aufgearbeiteten Straschek-Archivs annehmen sollte.“
Günter Peter Straschek (1942 bis 2009) war ein Filmemacher und Filmhistoriker, der mit seiner Frau, der Übersetzerin Karin Rausch, über Jahrzehnte zum Filmexil recherchiert und Interviews geführt hat. Strascheks Aktensammlung, 125 Archivschachteln mit 3500 Personenakten zur Filmemigration, Fotos und anderen Originaldokumenten, wird im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt aufbewahrt.
„Wir haben zunächst händisch angefangen, für uns eine Tabelle zu machen“, sagt Schneider zur Aufarbeitung. „Das Exilarchiv hat sich dann auch bemüht, so schnell wie möglich die Personenakten zu erfassen.“ Das heiße nicht, dass diese vollständig digitalisiert wurden, so Schneider. „Die Personendaten wurden erfasst und mit Normdaten hinterlegt, die bei uns verlinkt sind.“
Auf der Suche nach Fotos wird man bei MGFE nicht fündig. „Da die Datenbank eine Verweisdatenbank ist und wir keinen biographischen Ansatz verfolgt haben, schien uns das auch aus Nachhaltigkeitsgründen nicht zielführend“, so Schneider. Wenn man in der Datenbank von MGFE zum Beispiel „Tabernero“ in die Suchmaske einträgt, kommt man über den Bereich „Weiterführende Informationen“ zur Personenakte des Exilarchivs oder zu seiner Filmographie in der International Movie Database (IMDb).
Die „datenkritische“, auch auf Lücken hinweisende Erschließung soll es als Beitrag zur transnationalen Filmgeschichte unter anderem ermöglichen, „Netzwerke des Filmexils in ihrer räumlichen Dynamik zu untersuchen“. Eine Ahnung solcher Dynamik vermitteln Schaubilder zu Fluchtrouten und Exilländern. Bei den Geburtsorten liegt Wien mit 694 Personen an der Spitze, gefolgt von Berlin (547). Frankfurt steht mit 46 Nennungen an achter Stelle.
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