Zittern vor AfD-Wahlsiegen: Der Riss beginnt im Osten, der Bruch erfolgt im Westen
Die AfD könnte in zwei weiteren Landtagen stärkste Kraft werden, sogar alleinige Regierungspartei. Daran wird die Bundesrepublik nicht zerbrechen. Der Osten zeigt aber, was dem Westen blühen könnte - und das recht bald.
Kein Ostdeutscher hat in den auslaufenden 1980er Jahren das Ende der DDR kommen sehen, schon gar nicht so bald. Aber alle Ostdeutschen, die das stets dysfunktionaler werdende Land selbst erlebt haben, erinnern sehr konkret die hohlen Phrasen und inneren Widersprüche des SED-Staats. Als das Land sein materielles Fürsorge-Versprechen nicht mehr erfüllte, blieb ihm nur noch sein autoritärer Charakter - und eine Mehrheit versagte der DDR die bis dato nur punktuell getestete Loyalität.
Bald 40 Jahre nach der Deutschen Einheit wähnen sich viele Ostdeutsche in einer ähnlichen historischen Situation wie '89 - darunter nicht wenige, die erst in den 80er Jahren und danach geboren wurden. Wer aber daraus ableitet, die sich im AfD-Zuspruch ausdrückende Vertrauenskrise in die Bundesrepublik sei vor allem ein Ostphänomen, irrt gewaltig.
Viel ist darüber geschrieben, geforscht und diskutiert worden, was ursächlich dafür ist, dass die im Osten besonders extreme AfD dort so viel Zulauf erfährt. In Thüringen ist sie längst stärkste Kraft im Landtag, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern dürfte sie es im September werden. Sogar eine AfD-Alleinregierung in Magdeburg scheint möglich. Es lohnt, sich mit den vielen Erklärungsversuchen auseinandersetzen, von Christina Morina über Dirk Oschmann bis Ilko-Sascha Kowalczuk, von Martin Debes über Jana Hensel bis Steffen Mau und vielen weiteren. Die Thesen und Einsichten stehen oft im Widerspruch zueinander. Niemand kann allein und in Gänze erklären, was das spezifisch Ostdeutsche ist und ausmacht.
Sicher ist aber: In der brüchigen Bindung der Ostdeutschen an die großen, westdeutsch geprägten Parteien drücken sich spezifische ostdeutsche Eigenschaften aus, die aus der Summe geteilter und auch nicht gemachter Erfahrungen entstanden sind. Dazu zählen Schmerzen und Verletzungen, die erst durch das Wegsehen der westdeutschen Tonangeber zum politischen Faktor wurden. Ostdeutsche Perspektiven in ihrer Vielfalt wahrzunehmen und anzuerkennen: darin haben der Westen und die vielen Ostdeutschen, die sich im Land wohlfühlen, immer wieder versagt. AfD zu wählen und das von der westdeutschen Mehrheit geprägte Land in helle Aufruhr zu versetzen, ist die stärkste Selbstwirksamkeitserfahrung der Ostdeutschen seit 2009. Damals wählte der Osten die Linke zur drittgrößten Fraktion im Bundestag.
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