Audi Sport quattro S1 - Walter Röhrls Monster zeigt, was Audi heute fehlt
Ein Audi, der schon auf den ersten Blick den Puls beschleunigt und beim Fahren den rechten Fuß zittern lässt vor lauter Freude? Weil Hoffnungsträger wie Nuvolari und Concept C noch nicht fertig und TT sowie R8 längst Geschichte sind, wird man so ein Auto beim Händler derzeit kaum finden.
Wer sich durch die aktuelle Modellpalette klickt, entdeckt SUVs, Elektro-Limousinen und Sportler, die zwar solide sind, aber kaum noch das Herz höher schlagen lassen. Also ab in die Vergangenheit: Im Nationalen Automuseum The Loh Collection in Dietzhölztal-Ewersbach (Hessen) steht derzeit ein Audi Sport quattro S1 im Mittelpunkt der Sonderausstellung „Rallye-Legenden“. Und zwar nicht irgendeiner: Es ist der Wagen, den sich Rallye-Legende Walter Röhrl (79) 1987 zum Abschied bei Audi ausgesucht hat – ein Geschenk von Ferdinand Piëch (†82). Jetzt darf das Millionenstück noch einmal raus auf die Straße.
Als hätten sie ihn erst gestern abgestellt, springt der S1 auf Anhieb an, hüstelt ein paar Ölwölkchen durch seinen mittig montierten Auspuff Marke „Ofenrohr“ und giert nach Gas. Schon beim Einsteigen wird klar: Hier steigt man nicht als Fahrer ein, sondern höchstens als Gast, der geduldet wird. Gitterrohr, enger Schalensitz, Hosenträgergurte – wer hier Platz nimmt, verhandelt nicht. Er fügt sich. Auf dem Lenkrad steht eine Unterschrift: Walter Röhrl. Und dann geht es los.
Damit der S1 so wild fährt wie in unserem kollektiven PS-Gedächtnis eingebrannt, braucht er reichlich Drehzahl. Bis der Ladedruck kommt, passiert scheinbar nichts. Dann kommt er auf einen Schlag. Plötzlich legt jemand den Schalter zwischen „Auto“ und „Katapult“ um. Der Fünfzylinder reißt sich förmlich los: ein roher Ausbruch von 530 PS, der durch Sitz und Lenkrad direkt ins Zwerchfell fährt.
Jeder Gangwechsel wirkt wie eine Detonation im Antriebsstrang. Röhrl hat das als „Explosionen“ beschrieben – und genauso fühlt es sich an. Der Audi beschleunigt nicht linear. Er greift dich an. Unter drei Sekunden auf 100 km/h, zehn Sekunden auf 200. Werte, die selbst heute noch absurd sind – und damals völlig jenseits jeder Vernunft lagen. Dazu das typische Fünfzylinder-Nageln und das Pfeifen des Turbos, der überschüssige Luft mit einem irren Zwitschern wieder loswird – fast wie ein mechanischer Kanarienvogel mit Tollwut.
Der Sport quattro S1 stammt aus einer Zeit, in der im Rallyesport fast alles erlaubt war. Für die Gruppe-B-Zulassung mussten lediglich 200 Straßenautos gebaut werden, danach konnten sich die Ingenieure austoben. Audi setzte auf Leichtbau, Turbopower und permanenten Allradantrieb. Der Radstand wurde gegenüber dem Serien-Quattro um mehr als 30 Zentimeter gekürzt, die Karosserie mit gewaltigen Spoilern versehen.
Fünf Jahre ließ die FIA diesem Wahnsinn freien Lauf. Nach mehreren tödlichen Unfällen war 1986 Schluss. Der Mythos blieb. Röhrl gewann 1985 mit dem S1 die Rallye Sanremo. 1987 jagte er die Pikes-Peak-Version in 10:47,850 Minuten auf den damals noch unbefestigten Gipfel in Colorado.
Auf dem Rückweg zum Museum pfeift der Turbo noch einmal über den Westerwald.
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