„Abstiegsland!“ - Top-Unternehmer fürchtet Sachsen-Anhalts Absturz
Berlin – Er kennt Sachsen-Anhalts Wirtschaft wie kaum ein Zweiter: Dr. Karl Gerhold (75) machte GETEC aus Magdeburg zum Milliardenkonzern mit rund 3000 Beschäftigten. Der frühere Chef der Staatskanzlei und Träger des Bundesverdienstkreuzes spricht jetzt über die entscheidende Frage vor der Wahl: Was würde ein AfD-Sieg für Jobs, Investitionen und Wirtschaft bedeuten?
BILD: Welche Auswirkungen befürchten Sie, sollte es in Sachsen-Anhalt zu einer AfD-Regierung kommen?
Karl Gerhold : „Ich fürchte, dass Sachsen-Anhalt zum Abstiegsland wird, weil eine Stimmung erzeugt wird, die wirtschaftsfeindlich ist. Frau Weidel will aus der EU und aus dem Euro heraus. Natürlich ist bei der EU vieles nicht in Ordnung. Aber die politische Einigung Europas ist unendlich wichtig, der Euro ist sehr wichtig. Sonst geraten wir in Deutschland in eine isolierte Situation. Wir leben davon, dass auch ausländische Investoren nach Sachsen-Anhalt kommen. Wenn man einen Bogen um das Land macht, könnte manche Ansiedlung nicht kommen. Auch Fachkräfte aus der Bundesrepublik könnten sagen: Wenn hier ein bestimmtes Klima herrscht, gehe ich nicht mehr nach Sachsen-Anhalt.
„Das eine hängt mit dem anderen zusammen: Wenn wir weniger Investitionen bekommen, werden auch weniger Arbeitsplätze geschaffen. Es werden eher Arbeitsplätze abgebaut. Wir haben ohnehin einen großen Anpassungsprozess bei Automobilzulieferern und in der Chemieindustrie. Das ist eine globale Entwicklung. Wir brauchen Alternativen und müssen neue Industrien entwickeln.“
Kann man mögliche Schäden beziffern? Tausende Arbeitsplätze oder Milliarden an Investitionen?
„Wirtschaftsforschungsinstitute wie das DIW gehen von einem Einkommensverlust von 1600 Euro pro Kopf und Jahr und bis zu 23.000 zusätzlichen Arbeitslosen aus. Sicher kann man das heute noch nicht abschätzen, aber nehmen wir ein Beispiel: Wir verhandeln zurzeit über eine Industrieansiedlung mit einem amerikanischen Konzern. Es geht um circa 2000 zusätzliche Arbeitsplätze. Dafür ist es essenziell, dass auch ausländische Fachkräfte kommen. Wenn hier ein ausländerfeindliches Klima erzeugt wird, wollen viele vielleicht nicht hierher. Dann haben wir Schwierigkeiten, Arbeitskräfte zu bekommen, und die Ansiedlung könnte scheitern. Das Unternehmen geht nach Polen oder irgendwo nach Westdeutschland. Das ist meine Sorge.“
Was geht Ihnen mit Blick auf die Wahl durch den Kopf – und durchs Herz?
„Was mich sehr traurig macht, ist, dass ich finde, dass das Land eigentlich in einer echt guten Verfassung ist. Sachsen-Anhalt hat eine sehr gute Infrastruktur. Sachsen-Anhalt ist ein Kulturland mit einer ungeheuren Tradition. Wir haben sehr preiswerten und vor allem genügend Wohnraum. Wir haben ganz viele erfolgreiche Unternehmer. Viel Geld, auch Steuergeld, wurde hier investiert. Vieles wird aber schlechtgeredet. Es ist eine negative Stimmung, die gemacht wird – und die AfD nutzt das natürlich. Das schmerzt.“
„Ich verurteile niemanden, der die AfD wählt. Ich versuche, mit Argumenten zu überzeugen. Wenn ich mir jedoch das Wahlprogramm ansehe, muss ich sagen: Das kann nicht gutgehen. Das wird schwierig werden.
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