Wahlkampf in Brasilien: Statt einer Debatte gibt es Windeln für Lula und Bolsonaro
Links und rechts der drei Kandidaten, die am Sonntagabend zur TV-Debatte auf dem Kanal TV Band erschienen waren, standen leere Stehpulte. Dort hätten eigentlich Brasiliens amtierender Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und sein ärgster Herausforderer Flávio Bolsonaro stehen sollen. Doch beide hielten es nicht für nötig, sich den Fragen ihrer Kontrahenten und der Journalisten zu stellen.
Während der Präsident seine Abwesenheit mit fehlenden fairen Rahmenbedingungen begründete, weil er sich gegen die Angriffe einer Übermacht von Gegnern hätte verteidigen müssen, schob Bolsonaro die Verantwortung auf Lula. Ohne dessen Anwesenheit werde auch er nicht an der Debatte teilnehmen. Sein Gegner sei derjenige, der an der Macht sei und Brasilien zerstöre, sagte Bolsonaro wenige Stunden vor Beginn. „Mit ihm will ich debattieren.“
Laut den jüngsten Umfragen vereinen Lula und Bolsonaro mehr als 70 Prozent der Stimmen für den ersten Wahlgang Anfang Oktober auf sich, wobei Lula weiterhin leicht in Führung liegt. Gleichzeitig zeigen sich verhältnismäßig wenige Wähler bereit, ihre Wahlabsicht bis dahin noch zu ändern, besonders in den jeweiligen Lagern der beiden Favoriten. Lulas und Bolsonaros Einzug in die Stichwahl wird deshalb als nahezu sicher angesehen.
Eine Debatte hätte beiden wohl mehr schaden als nützen können; beide Kandidaten sind derzeit mit ernsthaften Vorwürfen konfrontiert. Lula steht wegen Ermittlungen gegen seinen Sohn unter Druck, gegen den unter anderem wegen mutmaßlicher Einflussnahme im Umfeld von Lobbyisten ermittelt wird. Auch Korruptionsskandale aus früheren Präsidentschaften haften weiter an Lula. Zudem wird seiner Regierung ein zu lasches Vorgehen gegen die Kriminalität vorgeworfen.
Bolsonaro wiederum ist in diesem Jahr in Erklärungsnot geraten, nachdem bekannt wurde, dass er von einem wegen Betrugs angeklagten Bankier finanzielle Unterstützung in Millionenhöhe erhalten hatte, angeblich zur Finanzierung eines Films über seinen Vater. Bis heute ist Bolsonaro eine überzeugende Erklärung zur Finanzierung des Projekts schuldig geblieben. Hinzu kommt der alte Vorwurf, er habe zu seiner Zeit als Regionalabgeordneter Teile der Gehälter seiner Mitarbeiter für sich abgeschöpft.
Zum lautstarken Hauptdarsteller des Abends avancierte deshalb Renan Santos, der sich als dritte Kraft zu profilieren versucht und die verwaisten Stehpulte für eine provokante Inszenierung nutzte. Er warf Lula und Flávio Bolsonaro wegen ihres Fernbleibens Feigheit vor und beschimpfte sie als „Schurken“, „Kriminelle“ und „Feiglinge“. Als sichtbares Zeichen seines Protests brachte Santos zwei Windeln mit den Namen der abwesenden Politiker auf die Bühne, in denen sie seiner Ansicht nach an diesem Abend hätten erscheinen sollen.
Santos’ Aggressivität stieß allerdings selbst bei den anwesenden Kandidaten auf Kritik. Augusto Cury warnte, ein solcher Auftritt sei für eine demokratische Debatte „erstickend“. Zugleich herrschte Einigkeit über die Abwesenheit der beiden Favoriten.
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